350 Jahre Universität Innsbruck – anlässlich dieses Jubiläums der Innsbrucker Alma Mater wurden an der Uni 17 Kleinausstellungen geplant, die quer über das Stadtgebiet verteilt das tagtägliche Werkeln, Forschen und Vermitteln über die Unimauern hinaus zeigen und zugänglich(er) machen sollen. So entstand auch die Ausstellungsidee zur „Trachtenpraxis", die ein vom „Förderschwerpunkt Erinnerungskultur" finanziertes und ermöglichtes Forschungsprojekt am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie einem großes Besucherkreis vorstellen möchte.
Die beiden Ethnologen (umgangssprachlich „Volkskundler") Timo Heimerdinger und Reinhard Bodner führen zusammen mit Herlinde Menardi und Karl Berger (der vormaligen Leiterin und dem aktuellen Leiter des Tiroler Volkskunstmuseums Innsbruck) seit 2014 das Projekt „Tiroler Trachtenpraxis im 20. und 21. Jahrhundert" durch. Im Fokus steht dabei vor allem die Aufarbeitung der „Mittelstelle Deutsche Tracht". Diese reichsdeutsche Organisation, die von 1939 bis 1945 am heutigen Tiroler Volkskunstmuseum Innsbruck eingerichtet war, hatte zum Ziel, alle Trachtenaktivitäten im Deutschen Reich zu koordinieren – im Sinne der NS-Ideologie. Als Leiterin der Mittelstelle wurde die regimegetreue Gertrud Pesendorfer eingesetzt, die sich um eine Aufarbeitung und vor allem eine Erneuerung der Trachtengewänder bemühte. Im Tiroler Raum wurden Trachten Anfang des 20. Jahrhunderts nämlich schon seit einem guten Jahrhundert nicht mehr im traditionellen Sinne – sprich, im Alltag – getragen, sondern sorgten in Gastronomie und bei Tiroler Abenden für Unterhaltung und klingelnde Kassen.
Unter Pesendorfer und ihrem Kreis entstanden so auf dem Zeichenbrett und angeregt durch konkrete Nähkurse etwa 20 „Trachtenlandschaften" im heutigen Nord-, Ost- und Südtirol; einige Beispiele aus den dazu angefertigten „Trachtenmappen" werden in der Ausstellung gezeigt, wie etwa der „Braune Tiroler Anzug" oder das „Unterlandler Kassettl". Aus diesen historisch verbürgten, aber im 20. Jahrhundert als etwas schwere, wenig zeitgemäß und auch „unhygienisch" empfundenen Gewändern wurden nun einfachere Schnitte und Muster kreiert, um die Männer- als auch Frauenkleider auf der einen Seite tragbarer und moderner zu machen – auf der anderen Seite steckte dahinter aber eine gefährliche Ideologie, die Bevölkerung zu klassifizieren und zu „uniformieren", um eine Einheitlichkeit eines „deutschen Volkes" und somit eine Unterordnung im NS-Regime zu propagieren. Diese sogenannte „Trachtenerneuerung", die seit den 1920er Jahren im gesamten deutschsprachigen Raum einsetzte, stand zudem auch in Konkurrenz zur Dirndl-Mode, die mit den 1930er Jahren aufkam und stellte dementsprechend strenge Reglements des „richtigen" Tragens und Herstellens von Trachtengewändern auf. Wie gefährlich diese Instrumentalisierung über Stoffe(!) ist, möchten die Forscher in ihrem groß angelegten Projekt in Form eines Buches verdeutlichen. Einen Einblick in die komplizierte und auch emotional fordernde, tiefenpsychologische Thematik will die Kleinausstellung „Trachtenpraxis" deshalb im Vorfeld zur Publikation bereits anbieten und möglichst vielen Interessierten neue Blicke und eine Meinungserweiterung zum Thema ermöglichen.
Auch der heutige Umgang mit „Tracht" und Werten wie „Tradition" und „Ursprünglichkeit" interessiert die Forscher und Forscherinnen, die sich aber nicht anmaßen wollen, klarzustellen, wie der Umgang damit sein sollte ¬– auf die historische Entwicklung bewusst zurückzuschauen, aber auch mit verantwortungsvollem Blick dafür im Jetzt zu leben, dazu möchte die Ausstellung „Trachtenpraxis" anregen und für einige „Aha"-Momente und Reflexion über den eigenen Standpunkt zum Thema sorgen.
„Wir treten keinesfalls als Autoritäten auf, die zu meinen glauben, wie eine ‚echte' Tracht aussieht und wie sie ‚richtig' zu tragen ist. Solche Ursprünglichkeitsvorstellungen hinterfragen wir, analysieren aber auch das Bedürfnis danach", bringt Projektleiter Timo Heimerdinger den Anspruch seines Teams auf den Punkt.
Ausgehend von diesem Anspruch der Forscherinnen und Forscher entstand auch die Ausstellung „Trachtenpraxis": Die Besucher und Besucherinnen sind aufgefordert und eingeladen, für sich selbst herauszufinden, was „Tracht" für sie individuell bedeutet, was es aber darüber hinaus auch in diesem Zusammenhang gibt und welche Wege persönlich ansprechen – oder eben auch nicht.
Wissenschaft und ländlicher Raum – (wie) geht des zamm?
Unser Mitglied Ricarda Hofer (Ortsgruppe Breitenbach am Inn) konnte sich hier als Historikerin einbringen, was für ihre persönliche Entwicklung in den letzten anderthalb Jahren seit Projektstart der Ausstellungsreihe von großer Bedeutung war. „Ich bin dem ländlichen Raum schon seit jeher verbunden und hab mich von klein auf dafür interessiert, woher unsere Gebräuche stammen, wo sie ihren Anfang und ihre Bedeutung genommen und bekommen haben. Diese Hingebung und meinen Bezug zum materiell gefestigten Kulturelement „Tracht" nun als Forscherin zu kombinieren und zu reflektieren, ist eine Erfahrung jenseits von Nostalgie und Scheuklappendenken – es kombiniert meine Heimatverbundenheit mit meinem wissenschaftlichen Interesse zu einer völlig neuen Sicht auf das Thema, ohne mich für das eine oder das andere auszuschließen", resümiert Ricarda ihre Empfindungen dazu. Zusammen mit ihren zwei Teamkolleginnen, den Architekturstudentinnen Magdalena Beirer und Katharina Sigg, arbeitete sie insgesamt anderthalb Jahre an dem Ausstellungsprojekt – die drei sind mit ihrem kreativen Ergebnis sehr zufrieden und hoffen auf einige Zettelchen in ihrem Feedback-Postkasten, der an der Ausstellungswand befestigt auf Meinungen der Besucherinnen und Besucher wartet.
Alle Mitglieder seien deshalb herzlich eingeladen, sich auf eine kleine Zeitreise durch die Tiroler Trachtenpraxis zu begeben ¬¬und auch ihre Meinung dazu abzugeben – eine Bitte, die Ricarda besonders am Herzen liegt. „Tracht verbindet so viele verschiedene Menschen, jeder und jede ist herzlich eingeladen, in unsere Ausstellung zu kommen, sich hoffentlich etwas davon mitzunehmen und eben auch gern eine kleine Rückmeldung an uns weiterzugeben – neue Perspektiven aufzuzeigen und zu betonen, dass es kein „oder" sondern so viel öfter ein „und" geben kann, war uns in der Planung ein zentrales Anliegen! Wenn wir das erreichen, ist unsere Ausstellung für mich ein voller Erfolg!"
Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Oktober im ICT-Foyer am Campus Technik der Universität Innsbruck zu sehen.
Siehe Lageplan
Wer sich gerne noch genauer über die Arbeit an der Trachtenpraxis-Ausstellung, das „Inside-Out"-Konzept und die 350 Jahr-Feier informieren möchte, findet hier weitere Infos: https://www.uibk.ac.at/350-jahre/veranstaltungen/ausstellungen/uni-innsbruck_inside-out/trachtenpraxis.html.de; https://www.uibk.ac.at/350-jahre/veranstaltungen/ausstellungen/uni-innsbruck_inside-out/projekt---uebersicht.html.de
Und zum Großprojekt „Tiroler Trachtenpraxis im 20. und 21. Jahrhundert" generell sei auf folgende Homepage verwiesen: https://www.uibk.ac.at/geschichte-ethnologie/ee/trachten.html
